„Nicht jeder wird ein Arschloch“

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Aber viele Jugendliche geraten aus Frust in den Sog von Rechtsextremisten / Erik Stohn diskutiert mit Experten über den Film „Mit der Faust in die Welt schlagen“

Dahme/Mark. Die Eltern vor allem mit sich selbst beschäftigt. Die Mutter reibt sich in ihrer Arbeit auf, der Vater leidet unter seinem Jobverlust. Der Hausbau in Eigenleistung misslingt und das kaputte Auto wird auch nicht von selber heil. Die beiden Söhne – etwa 12 und 15 Jahre alt – erleben nur Frust – in der Familie, in der Schule, in ihrer angebotslosen Freizeit. Nur die Großeltern bieten etwas Halt, aber die leben auch nicht ewig.

Der Film „Mit der Faust in die Welt schlagen“ zeichnet den Weg zweier Brüder in der ostdeutschen Provinz nach, die an eine rechtsextreme Jugendbande geraten, in der sie sich endlich angenommen und bestätigt fühlen.

Sehr beeindruckt zeigte sich das Publikum nach der Vorführung im Kino-Café Dahme. Dazu hatten die Friedrich-Ebert-Stiftung und der heimische Landtagsabgeordnete Erik Stohn (SPD) am Montagabend, dem 8. Dezember, eingeladen. In der anschließenden Diskussion mit dem Schauspieler Christian Näthe, der in dem Film den völlig überforderten Vater spielt, Andrea Nienhuisen vom Mobilen Beratungsteam und der Moderatorin Cosima Schmitt, erinnerte sich Erik Stohn an die Nuller Jahre, in denen der Film spielt. Zwar war er damals schon älter, habe aber gleich nach der Wende in demselben Alter erlebt, wie seine alleinerziehende Mutter zunächst arbeitslos wurde. Und wie er als Jugendlicher Angst haben musste vor rechtsgerichteten Baseballschläger-Gruppen. „Das will ich nicht wieder haben“, betonte Stohn, „ich habe aber Angst, dass es wieder so wird.“

Ähnliche Nachwendeerfahrungen hat auch Christian Näthe. Er stammt aus Potsdam. „Ich habe den Neofaschismus dort selber erlebt.“ Aber dies sei kein rein ostdeutsches Phänomen. „Das hätte auch in einer abgelegenen Gegend im Westen passieren können.“ Allerdings, so Näthe, müsse man als Jugendlicher diesen Weg nicht gehen. „Nicht jeder wird ein Arschloch!“

Volles Kino-Café Dahme/Mark: Von links nach rechts: Schauspieler Christian Näthe, Moderatorin Cosima Schmitt, Andrea Nienhuisen vom Mobilen Beratungsteam und der heimische SPD-Landtagsabgeordnete Erik Stohn bei der Filmvorführung und anschließenden Diskussion am Montagabend, dem 8. Dezember, auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Volles Kino-Café Dahme/Mark: Von links nach rechts: Schauspieler Christian Näthe, Moderatorin Cosima Schmitt, Andrea Nienhuisen vom Mobilen Beratungsteam und der heimische SPD-Landtagsabgeordnete Erik Stohn bei der Filmvorführung und anschließenden Diskussion am Montagabend, dem 8. Dezember, auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Wichtig sei, dass den Jugendlichen Angebote gemacht werden, betonte Stohn, vor allem auch am Nachmittag. Doch zum Gefühl des „Abgehängtseins“ trage auch der mangelhafte oder gar gänzlich fehlende öffentliche Nahverkehr bei. „Deshalb kämpfen wir als SPD-Fraktion im Kreistag zum Beispiel für den Erhalt des Rufbusses“, berichtete Erik Stohn.

Andrea Nienhuisen arbeitet seit 30 Jahren daran, rechtsextrem gewordene Jugendliche aus ihren Strukturen zu lösen. „Die Ursachen liegen häufig in nicht funktionierenden Familien.“ Inzwischen komme noch das Internet dazu, über das die Jugendlichen in den Sog der Rechtsextremisten geraten. Darum sei es wichtig zu erkunden, welche Ressourcen in den Orten bestehen – etwa in Vereinen, Schulen, Elterninitiativen, in der Kommunalpolitik und in der Stadtverwaltung, um die Jugendlichen für die Demokratie zu begeistern.

„Wichtig ist, dass auch unsere Kinder in dieser schönen Demokratie leben können“, wünschte sich Erik Stohn – auch wenn sie hin und wieder mal auf den Bus warten müssen.