Von Parteienlust und Parteienfrust

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Dokumentarfilm „Unten – Im Ortsverein“ zeigt SPD-Arbeit kritisch und unverblümt

Jüterbog. Dass Parteiarbeit richtige Arbeit ist – und unbezahlte noch dazu – davon kann jeder SPD-Genosse und jede SPD-Genossin ein Arbeiterlied vor- und rückwärts singen. Und dass es einem in jedem Ortsverein – und nicht nur im eigenen – so ergeht, das zeigt der abendfüllende Dokumentarfilm „Unten – im Ortsverein“ sehr anschaulich. Er wurde am Abend des 24. März im Kellerkino des „Bürgermeisterhauses“ in Jüterbog auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung gezeigt.

Filmemacher Jan-Christoph Schultchen hat die Arbeit der SPD-Mitglieder im Hamburger Ortsverein Bergedorf etwa ein Jahr lang begleitet. In diese Zeit fiel die Europawahl 2024 und im selben Jahr die Hamburger Kommunalwahl mit den jeweiligen Wahlkämpfen, der vorherigen Kandidatenkür und den Diskussionen und Abstimmungen über das Wahlprogramm. Aber dabei bleibt es nicht, denn Wahlkampf bedeutet auch Überzeugungsarbeit, die Abdeckung der Info-Stände, das Aufhängen von Wahlplakaten, die Organisation von und die Teilnahme an Demonstrationen. Doch zum Parteileben „ganz unten“, also an der Basis, gehört auch das Orts-Vereinsleben, also von der Ehrung langjähriger Mitglieder bis zur gemeinsamen Weihnachtsfeier und den Wahlpartys. Geteilt waren auch die Reaktionen der Zuschauer bei der Jüterboger Vorführung. Die einen meinten, dieser Film würde auf Nicht-Mitglieder doch abschreckend wirken, weil er schonungslos und kritisch zeige, was Parteiarbeit an Zeit und persönlichem Einsatz kostet. Für die anderen wirkte er eher motivierend, weil er verdeutliche, dass Politik auch Spaß macht, ein Gemeinschaftsgefühl weckt und Einflussmöglichkeiten bis ganz nach „oben“ bietet.

„Viele Leute wissen ja gar nicht, wie es in der SPD abgeht“, meinte Dokumentarfilmer Schultchen in der anschließenden Diskussionsrunde in Jüterbog. Obwohl selbst SPD-Mitglied, habe er seine Dokumentation nicht als Propagandafilm gedreht.

Erik Stohn, Landtagsabgeordneter aus Jüterbog, und SPD-Kreisvorsitzender von Teltow-Fläming erkannte durchaus Ähnlichkeiten zwischen dem Ortsverein aus der Großstadt und dem eigenen in der Kleinstadt. „Da fragt man sich manchmal schon“, so Stohn, „was man sich da so antut, warum man sich all die Abende um die Ohren haut.“ Andererseits gebe es ja eine gewaltige Erwartungshaltung an die wenigen politisch aktiven Menschen, „dass sie hier alles regeln“. Angesichts der Tatsache, dass etwa nur jeder 100. Brandenburger Mitglied einer politischen Partei sei, laste dies umso mehr auf ihnen, meinte Stohn.

Durchaus beeindruckt von der Arbeitsleistung der Parteimitglieder fragte eine parteilose Zuschauerin: „Warum wird das nicht sichtbar, was Sie da alles tun?“ Es sei jedenfalls nicht so, meinte Filmemacher Schultchen, dass die SPD nicht digital und offen fürs Internet sei. „Es interessiert aber keinen“, behauptete er.

Aber wie soll sich die SPD aufstellen? Es fehle eine positive Utopie, meinte ein parteiloser Besucher. „Was wir brauchen, sind mehr Mitglieder“, entgegnete Erik Stohn. „Wir machen jeden Tag Arbeit für die Mehrheit der Menschen. Je mehr wir sind, desto besser klappt‘s dann auch.“ Wäre Filmemacher Jan-Christoph Schultchen nicht schon längst SPD-Mitglied gewesen, wäre er spätestens nach Ende seiner Dreharbeiten in die Partei eingetreten: „Ich habe die Partei und insbesondere den Ortsverein als etwas sehr Lebendiges kennengelernt. Das ist nicht nur irgendein Verein, sondern da wird Lokalpolitik gemacht von Leuten, die sich kümmern.“

„Für mich ist die Partei ein Netzwerk des Wissens und der Ansprechpartner“, ergänzte Erik Stohn, „das von ganz unten, also von den Mitgliedern der Ortsvereine, bis ganz oben zur Landes- und Bundesregierung reicht.“